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Pressestimmen · Rezensionen ·
Tom Sawyer - Ein Musical von Wolfgang Fricke

Prof. Hans Bäßler

Musik & Bildung II/84, s. 55f.

Es gibt manchmal beglückende Momente in der Arbeit von Kollegen zu beobachten, bei denen man sich zwingen muss, nicht neidisch zu werden. Erfolge von Kollegen können zu Missgunst führen, weil man sich fragt, warum es einem denn nicht auch gelingen kann...

Ja, was war es eigentlich, das derart faszinierend für den Zuschauer war? Die einzig richtige, aber natürlich auch unpräzise Antwort: eigentlich alles. Und bevor ich den Leser noch weiter verwirre, will ich lieber von vorn berichten.

Der Hamburger Schulmusiker Wolfgang Fricke bekam von der Schulbehörde aufgrund früherer Musical-Kompositionen den Auftrag, für das Jubiläum einer Bergedorfer Realschule ein neues Stück zu schreiben. Zunächst galt es einen Stoff zu suchen, der nicht mehr mit irgendwelchen Urheberrechten belastet ist, denn schlechte Erfahrungen (mit dem Stoff "Emil und die Detektive") hatten Fricke vorsichtig werden lassen. Doch sollte der Stoff jugendgemäß, in gewissem Sinne aktuell, spannend, witzig, mit einem Wort: unterhaltend sein. "Tom Sawyer" hieß die Zauberformel – doch wer macht aus einem brillianten Roman ein kurzweiliges Libretto??? Die Schule wusste Rat – wie immer bei solchen Gelegenheiten: Wolfgang Fricke musste her. Der Komponist also zunächst als Autor. Ihm gelang, was Brecht und Weill in rechter und schlechter Zusammenarbeit, aber schließlich mit großem Erfolg vorgeführt haben: die Dramatisierung eines Prosatextes unter Einbeziehung aller Möglichkeiten, die für die Bühne, die Schule, die Schüler (oder besser in umgekehrter Reihenfolge?!) möglich und notwendig sind – eine Quadratur des Kreises, die (das sei verraten) gelungen ist.

Sprechtext, eingängige Soli, Songs für alle, Szenen mit großem Tempo, aber auch ganz ruhigen (und Liebe darf auch vorkommen), Situationskomik. Nun, gut, irgendwann (natürlich viel zu spät, aber immer noch rechtzeitig) stand der Text, doch bitte jetzt auch die Musik. Wo gibt’s denn die Schulmusik? Wahrscheinlich eher in den Hirnen auch für die Schule mal komponierender Hochschullehrer oder sympathischer Kirchenmusiker, die sich aber nur schwer vorstellen können, was in so einem lebendigen Quartaner alles vor sich geht: die Albernheit, die Verletzlichkeit, das Leiden, nicht so ganz erst genommen zu werden, aber auch ein gewissen Gehabe, das ganz schnell wieder zusammenfallen kann. Und erst die Quartanerinnen, geschüttelt von Ehrgeiz wie von Müdigkeit, unterwürfig und arrogant (und das ganz bestimmt nicht wollend), hilfsbereit und im nächsten Moment wieder gleichgültig träge.
Für eine solche Gruppe Musik machen – ich stelle es mir schwieriger vor als den Matheunterricht im Grundkurs des 11. Jahrgangs, in dem die Schüler nur einen Punkt für die physische Anwesenheit brauchen.
Doch Fricke hat es geschafft – auch seiner Ausstrahlung wegen - , zur Hauptsache aber durch die Musik selbst: alle Schüler auf, hinter und unter der Bühne, Jungen wie Mädchen, waren begeistert von dem Drive, aber auch der ironisch zwinkernden Sentimentalität, die manchmal durchschimmerte.
Zum Beispiel der Prolog: kurze Einleitung – gewichtiges e-moll, dann die Achtel und Sechzehntel im Chor:
"Kommt und seht Tom Sawyer und Huck Finn!
Heut ist hier was los, hier seid ihr mittendrin!"

Die textliche Identifikation ist geglückt; musikalisch aber ebenfalls: die Synkopierungen, aber auch die schlichte, immer einleuchtende Harmonik zeigen Fricke als Handwerker im besten Sinne, dem schnell ein Song von den Fingern geht: absteigende Bässe zur Subdominante, Subdominantparallele, Dominante – und gleich noch einmal von vorn. Der B –Teil (natürlich – aber so muss er denn auch klingen) auch der Tonikaparallele mit Rückführung zur Tonika. Von Peter Kreuder bis Udo Lindenberg kennen wir dieses Prinzip. Abgegriffen? Gewiss – wenn man klangliche Innovationen erwartet. Nur steht dieses Kompositionsprinzip in einem anderen Dienst. – es macht dem Zuhörer freundlich seine eigenen Überholtheit deutlich, ganz ohne Überheblichkeit. Wer’s nicht glauben will, möge es selbst mit seinen Schülerinnen und Schülern einmal ausprobieren. Die sich aus dem musikalischen Material ergebenden Lernziele entwickeln sich im lernenden Tun.
Was lernt man als Schüler noch?
Die Bühne ist ein zu gestaltendes Geschehen (oder wem’s lieber ist: zumindest der Ort dafür). Steife Komik, in der aufführenden Aufregung völlig verständlich, wäre tödlich. Fricke schafft es, eine der schönsten Szenen des Romans (und des Musicals) derart ins Tempo zu bringen, dass man sich schon nicht mehr ragt, ob hier "nur" Schultheater stattfindet. Es handelt sich um die Szene in der Sonntagschule, die in geballter Form die ganze Verlogenheit feiertäglichen Christentums auf den Punkt bringt. Das stupide Auswendiglernen von Bibelsprüchen, das falsche pathos der Orgel, die guten und gut angezogenen Bürger...
Tom lernt (oder versucht es zumindest) einen der zentralen neutestamentlichen Texte auswendig:
"...Also wie war das? Des alles ich ihm zu danken und zu loben... nee, nee... zu loben und nicht zu danken... alles Quatsch... weder zu loben noch für meinen Verdienst zu danken... lern ich nie im Leben... das ist gewisslich wahr. Amen !"

Die Orgel setzt dann feierlich ein, immer wieder unterbrochen von einem sehr frechen Zwischenspiel, während Tom mit seinen Tauschgeschäften beginnt.
In einer evangelischen Privatschule (!) weiß man natürlich sofort, dass man sich nicht in den USA befindet, sondern in Hamburg... Die sich anschließende Predigt – salbungsvoll: "Lübe Pfreunde" – macht Spielern wie Zuschauern klar: dies Stück handelt von uns.

Man müsste auf wesentlich mehr Einzelheiten eingehen, sagen, dass z.B. die Rock’n’Roll – Szene auf Beckys Geburtstag zum Schönsten gehört, was in den letzten Jahren an Schülertheater bei uns zu sehen war, berichten vom Tango des Indianer-Joe ("Zuerst die Rache"), bei dem der 14jährige Schauspieler völlig "abgefahren" ist. Doch ist sprachlich nicht zu vermitteln, was an kleinen Nuancen der textlichen und musikalischen Vorlage sich bei Akteuren und Zuschauern ereignet hat.
Ursprünglich sollte diese Inszenierung der Hamburger Beitrag für "Schulen musizieren" in Berlin sein; doch war eine Wiederholung nicht möglich. Fricke schreibt statt dessen ein neues Musical für dieses große Treffen. Man darf gespannt sein.
Hans Bäßler

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