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Was macht ein richtiges und erfolgreiches Musical aus? Schmissige Songs, ein Text mit viel Witz und ein wenig Gesellschaftskritik, viel bewegtes und handelndes Volk auf der Bühne, temperamentvolle Darsteller, eine den Text unterstreichende Choreographie, ein buntes und einfallsreiches Bühnenbild, eine routinierte flotte Band, nicht zu vergessen das bis zum Schluß begeistert mitgehende Publikum.
Dann also ist Wolfgang Frickes "Ali Baba, oder...?" sowohl ein richtiges als auch ein erfolgreiches Musical, denn es erfüllt alle die eben genannten Bedingungen. Ein routinierer Texter und Theatermann, vor allem aber ein Vollblutmusiker hat (un)bewußt und mit höchster Lust seine langjährige Erfahrung als Schul-Musical-Autor ausgespielt und auf der Folie des Märchens vom "Ali Baba und den 40 Räubern" ein Stück aufgebaut, nach dem sich jede spiel- und musizierfreudige Schule die Finger lecken müßte. Denn Fricke hat bei der Komposition nicht nur die besonderen Bedingungen seiner eigenen Schule im Blick gehabt, sondern auch für eine anderweitige Verwendung seines Stückes Sorge getragen.
Es gehören allerdings eine Menge Personen auf die Bühne. Fricke hat sie aus den 5. und 6. Klassen seiner Wichern-Schule in Hamburg genommen und aus ihnen Choristen und Solisten gemacht. Das ad libitum zu besetzende Orchester ist aus Schülern der Mittel- und Oberstufe zusammengestellt, das Klavier traktieren a quatre mains der Komponist und ein junger Kollege.
Ich habe die 3. Hamburger Aufführung miterlebt und bin in der Pause des zweieinhalb Stunden dauernden Stückes wie berauscht gewesen. Noch nie ist mir von einer von Kindern überquellenden Bühne so viel an sicht- und hörbarer Begeisterung entgegengebracht worden wie hier. Schon der das Stück eröffnende Chor der Räuber "He! Sie da! Sind Sie ein Räuberfan?" läßt den Puls der Zuhörer schneller schlagen, so elementar singen, und so drastisch und choreographisch exakt einstudiert agieren diese Krabben. Nahezu jeder aus dem mit gut 50 Kindern besetzten Chor bekommt sein kleines Solo, das er mit Mut und Charme ins Mikrophon singt. Wohlgemerkt: Der Chor bedarf der elektronischen Verstärkung nicht. Die extreme Lust der Sänger an ihrer Räuberrolle, mit der sie sich bis auf die Knochen identifiziert haben, macht jede Technik überflüssig.
Eine glückliche Hand bewies der auch die Einstudierung besorgende Komponist mit der Besetzung der tragenden Rollen. Zu nennen ist ein den gesunden Menschenverstand glaubhaft darstellender Ali, eine nicht ganz leicht zufriedenzustellende Suleika, Alis Bruder Kasim mit der Ausstrahlungskraft eines Profis, ein prächtig vitales Mädel als Räuberhauptmann Abdullah, und um nur eine glänzend besetzte Nebenrolle als Pars pro toto zu erwähnen: das cool und intellektuell sich gebende Schneiderlein. Sie alle können nicht nur singen, sondern auch sprechen und spielen. Fricke weiß, was er seinen Zuhörern schuldet: Mit sicherem Instinkt für das Gelungene läßt er den Eingangschor gleich mehrere Male erklin-gen, z. B. nur im Klavier intoniert, um die Rückkehr der Räuberbande anzuzeigen, dann als eine Art Bandschleife zu dem faszinierenden Rap-Gesang des Kasim, und natürlich schließt er mit ihm den 1. Akt ab. Wundert es da, daß das enthusiasmierte Publikum am Ende mitklatscht wie weiland zu Dieter Thomas Hecks besten Zeiten?
Frickes Musik läßt sich singen. Sie verleugnet nicht ihre Herkunft aus der Tradition des von Operette, Schlager und Swing inspirierten Tonfilms älterer Provenienz. Doch finden sich auch dem Stoff angemessene Orientalismen in Hülle und Fülle. Und manchmal begegnen sich Mississippi und Kudamm, so in Suleikas Song "O mein Ali" (1. Akt), in dem Shufflerhythmus und Bluestöne mit Melodie- und Harmoniebeständen zentraleuropäischer Herkunft fraternisieren. Eine Perle mit Chansonidiom ist das sprachlich wie musikalisch witzige Lied "Interessant", das dem Schneider angesichts der Zumutung, den geköpften Kasim wieder zusammenzuflicken, über die Lippen kommt. Den Eingeweihten erheitert die kleine Buffoparodie des noch lebenden Kasim, der mit seinem "Das ist immer wichtig" für einen Moment in Leporellos Fußstapfen tritt.
Belebende Impulse empfängt die in jedem Punkt sorgsam einstudierte Aufführung von der hauseigenen Band, in der Trompeten, ein Saxophon, Schlagzeug und Klavier besonders den Finalchören zusätzliche Akzente geben. Eine ganz besondere Freude bereitet der junge Kollege am Oberklavier, der improvisierend dem kargen Notenbild hinreißend jazz-inspirierte Arabesken abgewinnt.
Wenn ich mir als kritischer Beobachter des Stücks Veränderungen wünschte, dann beträfen sie nur den Text. Der Gefahr, daß der Witz bei der pointierten Verwendung aktueller Begriffe sich mit der Zeit verschleißt, kann man ausweichen, indem man die verbrauchten Begriffe gegen neue austauscht. Ein anderes erscheint mir problematischer: Zu oft läßt Fricke seine Kinder aus dem Stück heraustreten, um sie auf einer Art Metaebene die Handlung ironisch reflektieren zu lassen. Es hört sich schon ein wenig altklug an, wenn etwa Suleika zu dem zögernden Ali sagt: "Ich denke, du hast das Textbuch gelesen", oder wenn Ali an einer anderen Stelle erstaunt feststellt, daß er in dem Stück nicht die Hauptrolle spielt. Ob noch im 2. und 3. Akt zu kürzen ist? Es würde dem Fluß der Handlung guttun.
Was aber am Schluß dieser Ausführungen stehen sollte, ist ein uneingeschränkter Dank an den Autor, Komponisten, Dramaturgen, an seine Kinder und an die vielen beteiligten Kolleginnen und Kollegen, ein Dank für ein einmaliges Theatererlebnis. Steht es wirklich so schlimm um unsere Schulen, wenn sie solche Ereignisse wie "Ali Baba..." ermöglichen?
----------------------------------------------------------------------------------------Werner Hahn
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