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Hintergründe · Artikel von W. Fricke ·
"Ali Baba, oder...?" - ein Werkstattgespräch
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über eine Musicalproduktion an der Hamburger Wichern-Schule
Veröffentlicht in "Musik & Bildung/Praxis Musikerziehung" - Nr.3/86, S. 259 ff
Als eine evangelische Privatschule führt die Wichern-Schule in Hamburg seit über fünfzehn Jahren sich mittlerweile äußerst fruchtbar entwickelnde Projekte durch: große Musicals mit Kindern. In regelmäßigen Abständen bringen wir hier ein solches - vollständig im Hause produziertes - Stück heraus. (Siehe hierzu auch: "Musik & Bildung" 3/86)
Das jüngste Stück dieses Genres hieß "Ali Baba, oder...?", und unsere Schule lieferte im vergangenen Jahr damit den Beitrag der Hansestadt Hamburg für die Bundesbegegnung "Schulen musizieren ´85" in Berlin. Auf dem diesjährigen Bundeskongress deutscher Schulmusikerzieher in Ludwigshafen erhielten wir Gelegenheit, innerhalb der Reihe "Information - Diskussion" über Fragen und Probleme im Zusammenhang mit derartigen schulischen Projekten zu referieren, und konnten so interessierten Kollegen einen Einblick in die Arbeitsweise ermöglichen, die sich aus solchen Musicals, wie ich sie für unsere Schule schreibe, ergibt.
Wir konnten davon ausgehen, daß die Zuhörer unsere Veranstaltung auf Grund des oben erwähnten Artikels besuchten und somit Kenntnis hatten von Hintergründen, Möglichkeiten und Problemen unsrer Arbeit, wodurch sich vieles an Informationen erübrigte, auf die man sonst nicht hätten verzichten können. Die eingesparte Zeit konnten wir nun dazu nutzen, weite Teile unsrer Hamburger Inszenierung mittels Videogerät direkt vorzustellen, wodurch die anwesenden Kollegen in die Lage versetzt wurden, sich ein Bild von dem Stück und den mit seiner Realisation verbundenen Problemen zu machen. Entlanggehend an den wichtigsten Nummern des Musicals sprachen wir von unseren Erfahrungen, gaben Tips, wiesen auf eigene gemachte Fehler hin und konnten - was sich als das Wichtigste dieser Sitzung herausstellte - an Ort und Stelle auf Fragen der sehr interessierten und äußerst gespannt zuhörenden Kollegen eingehen.
Nun ist es bei einer solchen Projektbeschreibung sicher nicht schwer, unter seinen Zuhörern eine gewisse Begeisterung hervorzurufen. Es mußte uns deshalb umso mehr darum gehen, einer allzu groß en Euphorie entgegenzuwirken, wie sie sich auf Tagungen ja in der Regel immer schnell einzustellen pflegt. So sehr es unsere Absicht war, Nachahmer für ähnliche Unternehmungen zu finden, so sehr mußten wir auch zur Vorsicht raten, wenn wir vermeiden wollten, daß begeisterte Kollegen sich kräftemäßig oder organisatorisch übernähmen.
So ergaben sich Einzelfragen fast wie von selbst, und wir konnten auf eine Reihe von Schwierigkeiten hinweisen, deren es viele gibt, wie folgende Beispiele zeigen mögen:
- die Auswahl der Spieler und Sänger unter dem Aspekt, auch und gerade für minderbegabte Kinder Möglichkeiten zu eröffnen, gemeinsam mit ihren "begabteren" Kameraden - jeder mit den ihm eigenen Fähigkeiten - die große Aufgabe mitzugestalten;
- die Integration verschiedenster schulischer Arbeitsbereiche unter ein gemeinsames Projekt, was ohne eine breitgefächerte, schulumfassende Organisation völlig undenkbar ist; denn immerhin geht es um eine große Anzahl von zu koordinierenden Arbeitsfeldern, als da sind: Bühnenbau, Kulissenentwurf und -malerei, Beleuchtung (einschließlich der dazugehörigen Konzeption), "stilechte" Phantasiekostüme (Entwurf und Fertigung), wie schließlich Probleme der Mikrophonverstärkung sowie Ton und Videoaufzeichnungen, das Einarbeiten von Maskenbildnern, Requisiteuren, Souffleur und Inspizient bis hin zu Problemen von Werbungs- und Veranstaltungsorganisation und dergleichen, - und all dies ist natürlich undenkbar ohne die eigenverantwortliche Mitarbeit von fachkundigen Kollegen.
- die für die Straffung der Einstudierung unbedingt erforderliche synchrone Kooperation derart vieler Kollegen innerhalb von Bereichen wie Sprache und Spiel, Gruppen- und Einzelchoreographie, - Chor-, Ensemble- und Einzelgesang bis hin zu technischen Versuchen, wie etwa einem Teilplayback.- und schließlich die damit von Anfang an zusammenhängende, organisatorisch abgesicherte Stunden- und Arbeitsplangestaltung bei Schülern und Lehrern.
Auf diese Weise geriet unser Referat auf dem Kongress zu einer Art Wechselgespräch, aus dem beide Seiten fruchtbare Impulse gewinnen konnten. Ein solches Vorgehen erwies sich denn auch als der glücklichste und vor allem sinnvollste Weg, jedem der Anwesenden individuell auf seine Fragen zu antworten, so da die Zeit von nur 75 Minuten optimal genutzt werden konnte und wir dabei nicht etwa über Probleme zu referieren brauchten, die unter Umständen für keinen der anwesenden Kollegen bestanden hätten. Ein derartiges Gesprächs-Referat eröffnete denn auch für den Referenten seinerseits Möglichkeiten, eigene Fragen mit den Kollegen zu erörtern, wie folgende Beispiele zeigen mögen:
- Auch oder vielleicht "gerade" unter Pädagogen wird ja heute noch immer ein sich ein Lehrer heute stets fragen, inwieweit er solche Art Musik zur musischen Erziehung von Kindern heranziehen will. Ich selbst habe diese Frage für mich natürlich eindeutig beantwortet, doch war es doch sehr interessant festzustellen, daß ganz offenbar auch die Kollegen im Saal nicht gewillt waren, dies als Problem überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Dies macht zumindest deutlich, auf welch breite Akzeptanz ein solcher Weg bei vielen inzwischen offensichtlich stößt.
- Oder: Für mich liegt stets ein Problem darin, daß bei einem über zwei Stunden dauernden Musicalunternehmen natürlich immer einige "Qualitätsabstriche" in Kauf genommen werden müssen, was uns ja nicht selten bei einem gewissen Kreis von Kollegen durchaus ein gewisses "Naserümpfen" einbringt, - doch auch solche Bedenken erwiesen sich bei unserem Referat gerade vor dem Aspekt einer übergeordneten, vorwiegend pädagogisch orientierten Ganzheit als praktisch unbegründet.
- Des Weiteren konnte ich die Zuhörer fragen, wie sie beispielsweise zu dem (zugegebenermaßen von mir nur fiktiv formulierten, aber immerhin denkbaren) Vorwurf einer gewissen Indoktrination stünden, wenn ich Kindern im Alter von elf bis zwölf Jahren stellenweise sicher stark polit-kabarettistische Texte in den Mund legte. Wenn auch ein solcher Vorwurf realiter nie ernsthaft laut geworden war, so war es für mich doch nicht uninteressant, zu erleben, daß die anwesenden Kollegen über derlei denn auch nur lächeln konnten.
- Schließlich: bisher war ich eigentlich immer von der Annahme ausgegangen, den Kollegen, die das Stück für ihre Arbeit übernehmen wollten, genüge dafür ein Klavierauszug des Musicals. Eine ausgearbeitete Orchesterfassung war mir bisher nie sehr sinnvoll erschienen, weil es ja jenes "feste Schulorchester" gar nicht zu geben scheint und sich jeder Kollege besser selbst eine auf seine hauseigene Situation zugeschnittene Orchesterfassung anfertigen würde. Hier erfuhr ich jedoch, daß die Kollegen eine einfache, ausbaufähige Grundpartitur für Streicher und einige Bläser als durchaus hilfreich ansahen, solange Möglichkeiten des Änderns oder des Weglassens nach wie vor bestehen bleiben würden. Solche und viele andere Fragen ergaben sich für uns und unsere Zuhörer beim Betrachten und Anhören der Bild- und Tonbeispiele fast wie von selbst. Aber noch etwas Wesentlicheres wurde hier transparent: ein solches musisches Großprojekt kann innerhalb der Schule eine neue, vielfach schon verlorengeglaubte Solidarität erzeugen: Solidarität unter den Schülern verschiedener Klassen, angefangen von der Hauptschule bis hin zum Gymnasium, Solidarität unter den kooperierenden Lehrern, schließlich auch - und dies wird für alle zu einem weitertragenden Erlebnis werden - eine unverkrampfte, selbstverständliche Solidarität zwischen Schülern und Lehrern, wie sie unsere Schule heute nur noch an sehr wenigen Punkten verwirklichen kann.
In diesem Zusammenhang konnte ich auch berichten, daß die Universität Münster derzeit ein Gemeinschaftsprojekt mit einem dortigen Gymnasium durchführt, worin Dozenten, Studenten, Lehrer und Schüler anhand des "Ali Baba" die vielfältigen pädagogischen Möglichkeiten solch einer schulischen Musicalproduktion erproben, um dann die so gemachten Erfahrungen für Schule wie für Studenten nutzbar zu machen; - ein ausgesprochen sinnvolles, fast bin ich versucht zu sagen: "überfälliges", weil eminent praxisbezogenes Unternehmen.
- Als Fazit unsres Werkstatt-Gesprächs bleibt festzuhalten, daß das Tagungsthema mit seiner Fragestellung "Brauchen wir eine andere Schule?" hier durchaus seine Antwort fand. Es ist heute gewiß nicht allzu voreilig, grundsätzlich davon auszugehen, daß eine "andere Schule" als die derzeitige bei unseren gesellschaftlichen Vorgaben kaum eine Chance haben kann, also Utopie bleiben muß.
Insofern mag allein schon hoffnungsvoll stimmen, wenn auf diesem Kongress einige praktische- und praktikable Modelle eindrucksvoll vorgestellt wurden, bei denen - wie unser Musical-Projekt vielleicht exemplarisch gezeigt hat - doch immerhin ein kleiner Teil jener Utopie sichtbare, schöne, erlebbare Wirklichkeit werden könnte. Davon, so glaube ich, haben sich die Teilnehmer in dieser Sitzung gern überzeugen lassen. Das Echo macht durchaus Mut, solche Ansätze jener "anderen Schule" weiter auszubauen; denn abwarten, bis es diese andere Schule geben- wird, sollten wir nicht. Vielmehr sind es jene vielen kleinen "utopischen" Ansätze, die - erst recht in einer mehr und mehr sich an technischen Entwicklungen orientierenden Gesellschaft und damit auch einer sich in ihr widerspiegelnden Schule - ihr menschliches Gesicht, wenn auch nicht schaffen, so doch wieder stärker hervortreten lassen kann.
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Wolfgang Fricke
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