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Musiktheater in Schulen
Veröffentlicht in "Musik & Bildung/Praxis Musikerziehung" - Nr.12/90, S. 675 ff
Ein Wort, das zu Assoziationen einlädt. Vom 'Ich stelle dar' wandern unsere Gedanken über das 'Ich zeige Dir etwas' zum 'Ich mache Dir deutlich', 'Ich deute'. - 'Jemanden darstellen' heißt, hervortretende Eigenarten von Menschen, von Figuren zu studieren und diese durch überlegte Aktion zu interpretieren. - Schließlich ist da noch jenes 'Ich stelle etwas dar' im obigen Sinn von 'deuten, ausdeuten', dann aber auch zu verstehen als 'Ich stelle im Leben etwas dar', dies wiederum doppeldeutig, weil es sowohl ein 'vorweisen' als auch ein bloßes 'vortäuschen' meinen kann, - indem ich anderen etwas vormache, was ich nicht bin. Dieses Wort 'darstellen' gibt sich so als schillernd zu erkennen, angesiedelt irgendwo zwischen Verstehen, Sein, Schein, Täuschung, und Gaukelei.
- Von gleicher Ambivalenz ist das 'Ich-darstellen': ich begegne mir dabei selbst, aber ich brauche dazu die Fähigkeit des Beobachtens, denn einzig die Tiefenschärfe des Erkennens entscheidet darüber, ob ich andere oder sogar mich selbst über mich belüge, - ob ich mich in diesem Spiel vor mir selbst verstelle oder aber finden lerne. So wird aus dem 'Was will ich?' immer mehr ein 'Wer bin ich?'. Dazu braucht es Mut!
- Beim Darstellen im schulischen Umfeld geht es also keineswegs um eine nur mehr "nette pädagogische Nebensache", sondern um eine Kernfrage von Erziehung, denn wir begeben uns in einen tiefgreifenden Prozess von Lernen und Erfahren, Wissen und Können, Erkennen und Verstehen, Schaffen und Bewahren. 'Darstellen' richtet den Blick auf Orientierungen für unser Leben. Deshalb war und ist es von so großer Bedeutung für menschliche Kulturerfahrung. Wer jungen Menschen helfen will, (sich)-sehen, verstehen, deuten zu lernen, wird diesen Bereich verstärkt erschließen wollen.
'Wer bin ich?' - Versuch einer Selbstdarstellung
Natürlich hat sich der Verfasser bereits hier deutlich selbst dargestellt. Wie denn auch anders!? Er spricht über eigene Erfahrungen, und so ist es sinnvoll, daß er sich selbst zu erkennen gibt: Auf der Suche nach Orientierungen für meine Arbeit an jungen Menschen ging ich 1966 als Lehrer an das Gymnasium der Wichern-Schule, der einzigen staatlich-anerkannten evangelischen Privatschule in Hamburg. Dies sei nicht als pharisäerhaft mißzuverstehen. Erfährt doch jeder Kollege schmerzhaft, daß 'normales' Tun im 'normalen' schulischen Alltag nie ausreichen kann! Es ist vielmehr unsere Phantasie, derer es so dringend bedarf, wenn wir in der Schule unseren Auftrag von Erziehung und Menschenbildung verwirklichen und nicht länger als einen vorwiegend unterrichtlich zu prägenden mißverstehen wollen.
- Dabei erinnerte ich mich meiner alten Liebe zum Laienspiel, meiner Erfahrungen in Schülerbands und Kabarettgruppen, entdeckte meine Vorliebe für das Genre 'Musical' und fand mich bald an einer musikalisch versetzten Theaterproduktion beteiligt, deren Folge war, dann doch lieber selbst ein Musical für meine Schüler zu schreiben.
- So ging 1969 der Vorhang auf zu "Emil und die Detektive". Libretto und Songtexte hatte ich frei nach Kästners Romanidee gestaltet. Die Aufführungen waren ein Erfolg. Wir brachten es neben beachtlichem Presse-Echo auf zehn Vorstellungen und eroberten schließlich sogar das Herz der damaligen Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele, Ida Ehre, die uns ihr Theater für zwei sonntägliche Matinee-Vorstellungen kostenlos zur Verfügung stellte. Leider erwirkten die Erben Kästners später einen totalen Aufführungsstop.
In den folgenden Jahren schrieb ich für unsere Schule noch fünf weitere Musicals:
- "Rike und die Gauner" (1976), - ein Stück aus dem Hamburger Ganovenmilieu
- "Tom Sawyer" (1981)
- "Ali Baba oder...?" (1985) - ein Musical mit vielen kleinen und großen Gaunern, nicht nur aus früherer Zeit
- "Klaus Störtebeker" (1989)
- "Till Eulenspiegel" (1993).
Es mag informativ sein, hier einige Kostproben daraus vorzustellen. Alle Musicals dauern einschließlich Pausen etwas über zwei Stunden. Sie erfordern einen Chor von mindestens fünfzig Sängern. Für etwa zwanzig Kinder ist dabei an Soloparts gedacht. Daneben gibt es viele Möglichkeiten für Sprechrollen sowie Ensemble- oder Komparsengruppen. Der Chorgesang ist durchweg einstimmig, da eine schwierige Mehrstimmigkeit sich nur nachteilig auf den allgemeinen Schwung - oberstes Gesetz eines Musicals (!) - auswirken kann. Gleiches gilt für das Orchester. Es ist je nach Gegebenheit ad libitum einzusetzen. Der Wunsch, auch die Jüngsten mitstreichen zu lassen, darf nie zu Lasten des musikalischen Elans gehen. Unverzichtbar sind als harter, instrumentaler Kern ein versierter Pianist, Gitarre, Bass und Schlagzeug.
Ein großes Erlebnis
Beginnen wir am Schluß, mit glücklichen Kindern, deren Gesichter von Schminke, von Schweiß und gegenseitigen Umarmungen entsetzlich verschmiert sind und deren Stimmen nach der x-ten Zugabe heiser zu werden drohen, was einen genau so glücklichen Musiklehrer um die morgige Vorstellung bangen läßt. Kinder zerren an seinem Jackett und lassen sich versichern, wie toll sie alle waren und daß der Patzer im zweiten Akt niemandem aufgefallen sei. Die Anerkennung haben sie sich in den Monaten unermüdlicher Arbeit weiß Gott verdient. Erschöpft fallen sie ihren Eltern - oder wer immer gerade vorbeikommt - um den Hals. Juliette will wissen, warum ihr Mikro keinen 'Saft' hatte, und Franziska ist empört, weil Pascal ihr Make-up verwischt hatte, und, und, und.
- Kinder werden dies nie vergessen. Sie sind gezeichnet, einige für ihr ganzes Leben. - Ja, wer das einmal erlebt hat.....! Er wird beispielsweise von dem unscheinbaren Jungen berichten können, dem vierten Bürger, der sich vorher nie etwas zugetraut hatte und der sich jetzt plötzlich um das Amt des Klassensprechers bewirbt; oder dem Stotterer, der mit einem Mal nicht mehr anstößt; oder dem unscheinbaren Mädchen, das sich unversehens zu einer frechen Chanconette mausert. Kaum eines unter den Kindern, dem dieses Erlebnis nicht zu einem der prägendsten seiner Schulzeit geworden wäre.
Wie bringt man so ein Musical auf die Bühne?
- Wer sich irgendwann einmal auf ein solches "Groß-Unternehmen Musical" einlassen möchte, wird sicher Einzelheiten über die Arbeit erfahren wollen, die auf ihn und die Schüler zukommen. Da es hier jedoch stärker um eine pädagogische Zielsetzung gehen soll, sei im Hinblick auf mehr praktische Anregungen auf entsprechende frühere Artikel des Verfassers verwiesen.
- Frühzeitig kommt der Stab der für die Mitarbeit gewonnenen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Sie werden - was organisatorisch von Bedeutung ist - im kommenden Schuljahr mit den notwendigen Planstunden in den Gruppen oder Klassen eingesetzt, mit denen sie ihren Teil des Projekts durchführen. Die Bereiche sind vielfältig. Neben dem Regis-seur werden ein Tontechniker, ein Beleuchtungsfachmann, ein Kunsterzieher, eine Sportkollegin für die Choreograhie, ein Werklehrer, Kolleginnen vom textilen Werken sowie jemand allein für organisatorische Probleme benötigt. Ihnen stelle ich das neue Stück am Klavier vor. Der Startschuß ist gefallen. Von jetzt an kommt es in den Pausen immer häufiger zu Kurzbesprechungen und Gedankenaustausch, in deren Verlauf wir dann wieder einmal den Beginn der nächsten Stunde verpassen.
- Dieses Zusammenspiel prägt unere gesamte weitere Schulzeit und wirkt nachhaltig tief in das gesamte Kollegium hinein. Hier wächst jener für unsere Arbeit so unverzichtbare Konsens, wie er heute an unseren Schulen leider häufig genug fehlt.
- Irgendwann trete ich vor den Chor. Es geht los! Dabei wird den Kindern mit manch synkopierter Melodie oder komplizierten Texten Schweres zugemutet. So sind besonders einige Genrebedingte, ironisierende Inhalte zu erläutern. Und weil es der Chor ist, der den Schwung der Aufführung transportiert, darf gerade er nicht wie eine Betonmauer agieren, sondern muß seine Auftritte choreographisch präzise ausgestalten, was Kindern ungewohnt ist, worauf sie jedoch bald nicht mehr verzichten wollen.
Probleme bei der Besetzung
- Es gibt keinen Bereich, der mit größerer Behutsamkeit zu handhaben wäre als die Rollenbesetzung. Natürlich sprechen mich die Kinder bereits früh darauf an. Feste Zusagen erweisen sich jedoch immer als falsch, weil wir Zeit brauchen, vieles mit ihnen auszuprobieren. Denn gerade wo spielerische Fähigkeiten den sängerischen zuwiderlaufen, ist es gut, wenn solche Vorläufigkeit als normal gilt. Umbesetzungen treffen Kinder hart.
- Manche Kinder spüren von sich aus, ob sie mit einer Rolle zurechtkommen. Andere lassen plötzlich in ihrer Spannkraft nach und bitten oft von sich aus um eine neue Rolle. Wieder andere wachsen erst nach und nach, oft brilliant in ihre Rollen hinein. Eine meiner Hauptdarstellerinnen gestaltete trotz großer Intonationsprobleme ihre Rolle mit einer derart verzaubernden Grazie, daß niemand daran dachte, sie etwa auszuwechseln, zumal sich dann herausstellte, wie souverän sie auf Sprechgesang auszuweichen verstand.
Solche Umsicht vergessen Kinder nicht. Es ist nicht der oft gewaltige Streß, auch nicht ein oft arg rauher Ton bei der Arbeit, der haften bleiben wird, - es ist vielmehr diese Sensibilität, die uns so zusammengeschweißt hat.
Wer sonst noch alles mitmacht
- Es lohnt sich, den Blick auf die vielen älteren Schülerinnen und Schüler zu richten, die aus einer - zunächst oft skeptischen - Beobachterposition heraus zu unserem Projekt hinzustoßen. Auf sie übt, was sie vom Rande her sehen, eine derartige Faszination aus, daß sie sich Aufgabenbereiche suchen, in denen sie das Projekt eigenverantwortlich mitgestalten.
- Sie decken den Bereich der Inspizienz ab, betreuen die Requisiten und achten darauf, daß die Kinder ihre Kostüme finden oder pünktlich auf die Bühne kommen. Sie fungieren als Souffleure oder Maskenbildner und sind als Tröster unentbehrlich. Sie alle brauche ich vorher nicht groß einzuplanen. Fotografen und Videoamateure, Beleuchter und Aufnahmespezialisten organisieren sich von selbst. Ganze Klassen übernehmen Vorverkauf, Bestuhlung, Saalordnung, das Kleben von Plakaten, Garderobe, Programmgestaltung und -verkauf sowie später auch noch die Bewirtung der Gäste.
Dies macht Mut, denn von der vielgeschmähten Schlaffheit und dem Egoismus Jugendlicher ist hier nichts zu spüren. Selbst jener von mir unsanft gerüffelte Abiturient, der daraufhin 'fristlos gekündigt' hatte, war tags darauf wieder dabei. Meine Entschuldigung fand er zwar nett, aber nicht nötig. Es gehört zu den großen Chancen solcher Arbeit, zu erleben, wie hier Partnerschaften oft zu Freundschaften werden.
Und wenn mal etwas schiefgeht?
- Alles macht Spaß auf dieser Bühne, Spielen, Singen, präzises Agieren, - aber eben auch der Patzer!! Gerade er stellt für Jugendliche durchaus keine nebensächliche Erfahrung dar. Da ist einmal vielleicht nur der einfache Versprecher, ein andermal paßt der Schüler am Mischpult nicht auf, oder die Beleuchtung fällt aus, ein kleiner Wirrkopf tritt von der falschen Seite auf, mir fallen plötzlich die Noten runter, der Vorhang klemmt. ..!
- All dies löst sicher Schrecken aus, zu wirklichen Katastrophen kann es sich jedoch nie auswachsen. Wie sonst würde das Publikum mit solch verzeihendem Lachen, ja, erlösendem Beifall reagieren! Nicht, weil etwa über allem jenes mitleidige, leicht verächtliche "Ach, die Kleinen haben sich ja solche Mühe gegeben" läge, sondern weil sich alle von der Begeisterung mitreißen lassen.
- Hier darf getrost mal schiefgehen, was eigentlich nicht schiefgehen dürfte. Das entläßt niemanden aus der Verantwortung, kann ihn aber von dem oft belastenden Gefühl befreien, an einem Mißlingen schuld zu sein. Denn wo Kinder sich so freuen können, haben Mißerfolge nur geringe Chancen.
- Natürlich kann es Musical-Inszenierungen geben, die blaß und ohne den so dringend notwendigen Schwung bleiben. Doch kann ein solches Unterfangen in seinem Kern dort nie wirklich scheitern, wo Weg und Ziel zu Einem geworden sind!
Warum aber gerade ein Musical?
- Was ist eigentlich an einem solchen Musical-Projekt gegen über jeder anderen Form Darstellenden Spiels so einzigartig? Die schlichte Antwort: die Musik! Denn in der Tat schaffen Gesang, Tanz und Instrumentalspiel eine entscheidend weiterführende Alternative gegenüber textgebundenem Spiel.
- Wo sonst böten sich vergleichbare Chancen für eine derart aufwendige Besetzung, nach der viele Kollegen so dringend suchen? Wo sonst könnten wir so vielen Schülern ähnliche Erfahrungen vermitteln, wenn nicht im Musical mit seinen umfangreichen Möglichkeiten zum Mitmachen. Derart breitgefächerte Möglichkeiten gerade auch für größere schulische Gruppen sind oft lang gehegte pädagogische Wunschträume von Klassenlehrern oder Schulleitern.
- Unschätzbare Vorteile eines solch breitangelegten Projekts liegen etwa darin, daß ganze Gruppen oder Klassen im Vorwege eingeplant werden können, wo sonst immer nur einzelne Schüler aus dem Unterricht gerufen werden müßten. So kann gerade auch ein Musiklehrer endlich einmal auf breiterer konzeptioneller Basis arbeiten, als Schulkonzerte es ihm mit ihren oft nur spärlich frequentierten Musizier- und Singgruppen gemeinhin ermöglichen.
- Wo sonst können beispielsweise sogenannte 'Brummer' derart problemlos mitmachen?! Niemand will sie ja gleich in tragenden Rollen einsetzen, aber mitsingen können sie. Denn eigenartig: ein solches Schülermusical (v)erträgt vieles, wodurch manch ein Werk unsrer Meister erheblich verunstaltet würde. Hier gerät der Weg des Werks zum Kind, aber auch der des Kindes zum Werk deutlich unverkrampfter, als sich dies von manch Schulorchesterbearbeitung unsrer Meisterwerke behaupten ließe. Hier werden schmerzende Ausgrenzungen vermieden, und endlich einmal kann eine ganze Gruppe gerade in ihrer Unterschiedenheit von sich sagen: Wir alle!
Bleibende Erfahrungen
- Als ob alles Bisherige etwa nicht von solch bleibenden Erfahrungen spräche! Was aber wird auf der Bühne sonst noch für Kinder erfahrbar? Da ist vor allem jene praktische, in eigenes Tun umgesetzte Wirklichkeit von 'Solidarität', - ein für sie nachvollziehbares Teilhaben an erlebter Verantwortung für alle, für alles, mit allen und auch an allem.
- So wird möglich, daß Jugendliche ihre Lehrer nicht mehr nur als Vermittler eines für sie oft noch fernliegenden Wissens begreifen, sondern daß sie mit ihnen zusammen ein großes gemeinsames Abenteuer bestehen.
- Hier sind wir gemeinsam Lernende, Erfahrende. Hier wächst, was ich mir unter Vorbildfunktion vorstelle: nicht derjenige zu sein, der alles besser kann und weiß, sondern einer, der sich an die Hand nehmen und sich sagen lassen kann: Komm, wir machen es gemeinsam.
- Hier vermittelt die schulische Bühne jungen Menschen die vielleicht tiefgreifendsten Eindrücke ihrer Schulzeit. Wie sonst wäre es denkbar, daß bei einem unsrer Musical-Jubiläen eine Gruppe strahlender Frauen und Männer, die vor 25 Jahren (!) als 12-jährige auf der Bühne gestanden hatten, ihre Songs von damals mit noch immer nahezu perfekter Gestik 'draufhatten' und sich mit der gleichen Begeisterung von einst präsentierten?
- Dahinter steht der unübertreffbare Stellenwert, etwas selber gemacht, geschafft, geschaffen zu haben. Da wird Eingeübtes zum Reflektierbaren, Erlerntes zum Errungenen. Hier wachsen jungen Menschen Widerstandskräfte zu, mit deren Hilfe sie den Gefahren entgehen können, die ihrer Persönlichkeit von vorverdautem Medienkonsum mit seiner fetischistisch angemaßten Legitimation ständig drohen. Wenn sich Jugend immunisieren ließe gegen verlogene Traditionen, wie sie sich in oft falschverstandenem, nur TV-verschnittenen Brauchtum zur Schau stellen, - wenn sich im Selber-Tun der Blick junger Menschen für beständigere Werte schärfen ließe, - wäre das etwa nichts?!
Mehr als nur ein Musical, - ein Ziel!
- Überall, wo heute Toleranz zur Wertneutralität, wo Ich-Findung zum Egoismus verkümmert, muß Schule die ihr verbliebenen Chancen nutzen, Konsens über Grundziele und verlorengegangene Erziehungsorientierungen neu zu finden. Zumindest wir Lehrer an der Basis tun uns immer noch schwer, mit so beschädigten Begriffen wie Leistung, Disziplin, Autorität, Pflicht oder Ordnung vorurteilsfrei, nein: ideologiefrei umzugehen, was angesichts vieler fragwürdiger Maßstäbe und verlogener Vorbilder unumgänglich geworden ist.
- Erlebte Verantwortung jedoch nehmen junge Menschen in ihr Leben mit. Sie erlangen Urteilsvermögen und daraus Kritikfähigkeit, sie gewinnen ein freieres Verhältnis zur Leistung, - Leistung, die den Menschen nicht von sich 'entfremdet', sondern zu sich hinführt. Jener Satz vom Anfang "...aus dem 'Was will ich?' wird ein 'Wer bin ich?'" meint genau dies: der spielend Schaffende lernt sich in seinem Tun selbst verstehen, erkennen, eben: bestimmen. "Sich vorführen heißt sich begegnen. Sich in Heiterkeit finden lernen, ist Gelassenheit." (Wenn ich nur wüßte, wer dies gesagt hat?!)
- Auch der Begriff 'Anpassung' könnte so endlich jenen unselig verachtenden Unterton verlieren, wo er doch vielmehr als eine Art Kompass zu begreifen wäre, mit dessen Hilfe junge Menschen zu Orientierungen im Netzwerk von Ordnungen und Grenzen gelangen können, deren Handhabung sie ohnehin nur vor sich selbst zu verantworten haben.
- Viele ermutigende Bekundungen, die mich immer wieder erreichen, mögen dafür zeugen, daß solche Hoffnungen keine Utopien sind, sondern auf ein Ziel weisen, vor dem Schule Mut fassen darf, junge Menschen erziehen zu wollen.
- Man mache sich nichts vor: von täglicher schulischer Selbstverständlichkeit ist all dies immer noch meilenweit entfernt. Das spielerisch-darstellende Selber-Machen bietet heute allemal eine Reihe von Chancen, im mehr oder weniger unterrichtlich geprägten Alltag etliche blinde Flecken aufzutun, die mit Phantasie auszufüllen unsere Schule sich getrost wieder entschlossener aufschwingen kann.
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