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Hintergründe · Artikel von W. Fricke ·
Musicals - Kinder erleben Abschied


Eine fast wehmütige Erinnerung an ein herrliches Schulprojekt


Veröffentlicht in "Musik & Bildung/Praxis Musikerziehung" - Nr.7-8/90, S.435 ff

"Der Vorhang fällt!" - Immer schon verbindet sich mit diesem Wort eine gewaltige Faszination, immer schon ist dieses Wort tiefes Symbol für Ende, Abschied, Tod gewesen. Das alte Bild vom Spiel auf einer Bühne, die das Leben ist, hat die Menschen seit Urzeiten in seinen Bann genommen und ist in der Kunst in vielfältigsten Varianten verarbeitet worden.

  • Gerade auch die Musik gelangt besonders immer dort in ihre tieferen Dimensionen, wo der Mensch sich in ihr einem solchen Abschied gegenübersieht. Wir denken an die großen Passionen, wo sich der Gedanke an Abschied mit dem des Leidens, aber auch der Versöhung, der Vergebung untrennbar verbindet. Wir denken an die berühmten Requiemkompositionen, in denen sich die großen Meister mit der Vorläufigkeit menschlicher Existenz zutiefst individuell auseinandersetzen. Wir denken an die "Kunst der Fuge", in der Bach uns seine Sicht nicht bloßer musikalischer Ordnung wie in einem Testament übergibt. Und gerade das Erleben der abgebrochenen Schlußfuge mit dem gern hinzugefügten Choral hat für mich nie etwas Sentimentales besessen, wo sich hier doch die ganze Weite der Dimensionen "Abschied" und "Vergebung" augenfällig dokumentiert. Angesichts solcher Augenfälligkeit wird jedoch oft vergessen, daß sich in diesen Werken lediglich etwas vollzieht, was eigentlich das Wesen aller Musik ausmacht.

Denn wenn Musik die Sprache unseres Lebens ist, dann ist sie auch in jeder ihrer Ausdrucksformen Abbild dieses Lebens - und ist damit zugleich auch Abschied. Ergreifend deutlich wird dies in Milos Foremans Mozart-Film "Amadeus", wo nahezu jeder Ton, der erklingt, den Zusammenhang mit diesem, stets nur Vorläufigen Überdeutlich in den Mittelpunkt rückt, - die Sprache des gebrochenen Lebens spricht.

Auf der anderen Seite hat Musik immer gerade dort, wo sie - wie es in gewissen Sparten moderner Unterhaltungsmusik zutage tritt - nur noch Gefühlssurrogate liefert (und natürlich auch nichts Anderes liefern will) einen traurigen, weil erdrückenden Anteil an dem, was sich nur als tiefste Wesensentfremdung, als Entwurzelung des Menschen schlechthin bezeichnen läßt.

Aber verbleiben wir noch einen Augenblick bei der oben bereits angesprochenen Kompositionsform, dem Requiem, und blicken wir namentlich auf Verdis "Missa di Requiem". Diesem Werk wird gern vorgeworfen, es sei zu opernhaft, zu theatralisch. - Na, und? - Natürlich ist es dies, und es will und darf dieses natürlich auch sein: Welttheater. Verdi greift nur das alte Bild des auf Gottes Lebensbühne agierenden und leidenden Menschen auf, und führt die beiden Bilder von Bühne und Abschied zu einer Aussage zusammen. Auch Shakespeare sieht im Menschen, der nach dem Spiel vor den Vorhang seines Lebens tritt mit der bangen Frage "Wie habe ich gespielt?" und sich damit dem Beifall oder den gesenkten Daumen eines Publikums aussetzt, stets - d e n- Menschen, der irgendwann die Zwänge seines Lebens hinter sich lassen wird, um sich der Anerkennung, der Vergebung durch Gott auszusetzen, deren er einzig bedarf.

Damit ist das Spiel des Menschen auf einer Bühne nach festgelegten Vorgaben wie Textbuch, Regie, Spieldauer, und endlich auch dem fallenden Vorhang zu einem Abbild des Lebens schlechthin geworden, - namentlich unter der ergreifenden Begleitung von Musik, und so kann es eigentlich nur als Zeichen großer Oberflächlichkeit gelten, obigen Vorwurf gerade gegenüber dem Theaterhaften in Verdis Komposition etwa ernstlich aufrechterhalten zu wollen.

Ich möchte den Leser, der mir bis hierher zu folgen bereit war, bitten, nach diesen Vorüberlegungen mit mir zusammen einen Sprung zu machen, einen Sprung auf eine praktische Ebene, in der all dieses zu einem tiefen Erlebnis wird, nämlich dorthin, wo Kinder auf einer Bühne spielend und singend agieren. Und so sei es dem Schreiber dieser Betrachtungen erlaubt, hier einmal ausführlicher auf die von ihm gemachten Erfahrungen innerhalb des im Zusammenhang mit dem reichhaltigen Umfeld "Musik und Spiel" zu sprechen zu kommen (und deshalb im Folgenden auf die Ich-Form des Berichtenden überzugehen):

Wie einigen unter den Lesern bekannt sein wird, schreibe ich seit vielen Jahren in Abständen Musicals für meine Schüler. Mehr als Schnapsidee entstand 1969 "Emil und die Detektive", aber ich muß gestehen, daß nach all den hieran gemachten, herrlichen Erfahrungen und vielschichtigen Beobachtungen im Rahmen dieser Arbeit tiefer Verbundenheit mit Schulkindern jene Schnapsidee unversehens zur Lebensaufgabe geriet, unter der jener in unserem Beruf ja nicht immer unbekannte Frust kaum noch eine Chance hatte. Mir ist klar, daß diese Sätze manchem Leser fast ein wenig zu prahlerisch erscheinen könnten, aber ich bin sicher, daß alle Kollegen, die sich mit mir zusammen auf diese Arbeit eingelassen haben, in ein gleiches Loblied einstimmen würden angesichts solcher, sonst im schulischen Alltag nur schwer erzielbaren, ungeheuren Faszination, wie sie für Schüler und Lehrer gleichermaßen von dieser Art Zusammenarbeit ausgeht, wie sie schulisches Leben heute nur noch an wenigen Stellen ermöglicht.

Die während dieser Arbeit gewonnenen Erfahrungen machten mir Mut, diesen Weg weiterzugehen, und so entstand 1976 "Rike und die Gauner", 1981 kam "Tom Sawyer" dazu, vier Jahre später "Ali Baba, oder...?" und 1987 "Der verlorene Sohn", dies allerdings kein Musical, sondern mehr eine Art geistlichen Balletts. Zum Hamburger Hafengeburtstag trat unsere Schule 1989 mit "Klaus Störtebeker" an, und für 1993 werfen erste Gedanken an "Till Eulenspiegel" bereits lange Schatten voraus.

Musicals für Schüler!? Kann das denn wirklich eine Arbeit sein, die sich allein schon von ihrer "mangelnden künstlerischen Anspruchsebene" her überhaupt pädagogisch auszahlen kann? Rechtfertigt ein solches Sujet denn letztendlich den damit verbundenen Riesenaufwand? Kann das Musical per se Träger und Vermittler jener Werte sein, denen wir uns in unsrer Arbeit mit Kindern nach wie vor verpflichtet sehen? Gibt es denn wirklich in unsrer herkömmlichen Literatur keine geeigneteren Beispiele? Biedern wir uns nicht wieder einmal nur dort an, wo wir als die Erfahreneren doch wissen sollten, wohin derlei Verbrüderungen führen können? - Solche und ähnliche Fragen werden mir allen Ernstes häufig gestellt, so als stünde man hier dem musikpädagogischen Sündenfall schlechthin gegenüber. Nicht daß ich manche dieser Fragen nicht auch vor mir selbst aus sehr ernst nähme. Ich weiß mich durchaus in der Pflicht, mich an dieser Stelle nicht etwa grundsätzlich um ernsthafte Antworten herumzudrücken, wenn auch hier nicht der geeignete Platz dafür sein durfte.

Vielmehr denke ich, daß aus dem Folgenden sehr wohl nicht nur der Spaß und die Freude deutlich werden, sondern auch gerade die ganz tiefe Ernsthaftigkeit, unter der sich die Arbeit mit meinen jungen "homines ludentes" vollzieht. Denn ob wir diesen homo ludens mit Hausmusik bisherigen Verständnisses denn auch wirklich immer antreffen und ansprechen, darf zumindest als Gegenfrage aufgeworfen werden, und ohne den Wert solchen Musizierens vom Prinzip her etwa gering ansetzen zu wollen, darf zumindest daran erinnert werden, daß sich wohl jeder von uns angesichts manch barmherzigen Weghörens bei Schülerkonzerten schon seine eigenen Gedanken gemacht hat.

Solcherlei Überlegungen bildeten den Ausgangspunkt für meine damalige "Schnapsidee", in meiner Schule irgendwann einmal etwas zu tun, an dem wirklich alle Kinder mitmachen konnten, alle, auch die sonst oft nur halbherzig geduldeten "Brummer", die sich in diesem Projekt erstmals als voll integrierte Glieder in einer musisch derart engagierten Gruppe erfahren durften. Die Art der Musik, die ihnen hier vorgelegt wird, erträgt und trägt dies ohne all die sonst bei fast jeder anderen Form musikalischen Tuns zutage tretenden Probleme. Wo Kinder - und ich bin es dem Leser an dieser Stelle wohl endlich schuldig, ihm mitzuteilen, daß es sich bei den hier immer als Kinder bezeichneten Schülern um elf- bis zwölfjährige Jungen und Mädchen aus Klassen des 6. Schuljahres handelt - wo also Kinder in so buntgemischtem, wenn auch oft sehr schwerem Spiel so viel Freude nicht nur empfinden, sondern sich auch untereinander bereiten und an andere versprühen können, - wo Eltern und Lehrer auf einer ganz neuen Ebene in einem ungekannten Miteinander zusammen mit den Kindern ihre bisherigen Rollen aufgeben und sich als ganz neue Gemeinschaft verstehen und erfahren lernen, - wo endlich einmal Fehler belacht werden können, weil jeder die tausend Tücken der vielen Objekte kennt und sich trotzdem Mühe gibt, sie zu vermeiden, - wo bei so hohem verantwortlichen Einsatz der stets erlösende Spaß den unverzichtbaren Ernst befruchtend durchdringt, - da muß auch die Frage gestellt werden, wo denn unsere heutige Schule für all dies sonst noch Chance und Raum bietet. - Ja, die Frage weitet sich naturgemäß dahingehend aus, welches - künstlerisch vielleicht wertvollere - Sujet sonst denn wohl noch all solche Möglichkeiten für Kinder in dieser reichhaltigen Form bereithalten kann?

Ich spüre, wie der Leser mich mahnt, die Ebene verständlichen Schwärmens nun doch wohl langsam zu verlassen und zur Sache zu kommen. Ich muß in der Tat zugeben, daß hier wohl der Punkt gekommen ist, an dem es deutlich zu machen gilt, was denn all dies nun eigentlich mit dem Thema "Abschied" zu tun habe. Eigentlich spreche ich bereits die ganze Zeit über von nichts Anderem, nur bedurfte es vorher zumindest dieses schnell aufgeblätterten Panoramas einiger Schwerpunkte solcher Arbeit, damit wenigstens ein kleiner Teil der unendlichen Faszination jener tiefen Gemeinsamkeit und Verbundenheit aufleuchten möge, ohne die auch nichts von der Dimension erkennbar werden kann, um die es hier geht. Und nur derjenige unter meinen Kollegen, der - in welchen Bereichen auch immer - ähnliche Erfahrungen bei seiner Arbeit mit Kindern gemacht hat, wird wissen, daß er sich urplötzlich und meist völlig unerwartet jenem Phänomen konfrontiert sieht, was diesem Heft sein Thema gegeben hat: "Abschied"!

Jeder, der die Chance ergreift, sich auf ein solches Unternehmen einzulassen, erfährt früher oder später, was gerade hier "Abschied" heißt, und so will ich denn nun endlich zunächst einmal auf die kleinen, fast banalen, dann aber auch auf die schwereren und schließlich auch immer tiefer reichenden Formen von Abschied zu sprechen kommen, die mir selbst und den Kindern gerade bei den Musical-Projekten auf Schritt und Tritt begegnen. Und das beginnt bereits dort, wo eigentlich noch gar nichts begonnen hat: bei der Rollensuche. Kinder freuen sich auf ganz bestimmte Rollen, und auch ich wünsche mir oft von vorn herein bestimmte Besetzungen, und beiden - sowohl dem Kind als auch mir - kann es sehr weh tun, wenn irgendwelche übergeordneten Fragen zu Alternativen zwingen. Beide haben sich auf etwas gefreut, beide müssen von Träumen Abschied nehmen, aber - und das ist das Schöne daran - es endet fast nie im Zorn oder im Trotz, immer bleibt auch die sich ergebende Alternative reizvoll, oft zeigen spätere Gespräche, wie sich Kinder schon früh mit eigenen Grenzen auseinander zu setzen und diese auch zu akzeptieren gelernt haben, eine sicher oft schmerzliche und doch spielerisch bewältigte Erfahrung! Hierhin gehört auch mein eigener Abschied von liebgewordenen Ideen und Vorstellungen, die oft an banalen Ausführungsmodalitäten, manchmal aber auch daran scheitern, daß sie in der gedachten Weise nicht überzubringen sind, - eine Form von Abschied, die zur Anpassung, zur Neugestaltung zwingt.

Man wächst zusammen in solcher Arbeit, man lernt sich kennen, oft erbarmungslos, und auch kleinere Schüler mahnen schon Korrektheit in Planung und Durchführung an, wie ich sie auch von ihnen verlange. Sie erwarten von mir die gleiche Geduld mit ihnen, die sie in der Tat auch mit mir aufbringen, aber sie gestatten mir auch das gleiche Ausmaß an oft starker Ermüdung, das ich meinen kleinen Partnern natürlich selbstverständlich und gern zubillige.

In solchen Augenblicken wächst Schule weit über alles hinaus, was Lehrpläne, ja selbst pädagogische Lehrbücher noch vermitteln können. Auch die natürlich weiterlaufende normale, tägliche unterrichtliche Arbeit weitet sich in dieser Zeit - und noch weit darüber hinaus - zu einer sonst kaum erlebbaren Basis von Motivation, Vertrauen, selbstverständlicher Lern- und Leistungsbereitschaft aus, wie ich sie außerhalb dieser besonderen Zeiten kaum je so intensiv erlebt habe.

Und doch seien jetzt und hier weitere Einzelaspekte dieser Arbeitsphase übersprungen. Denken wir uns also in die spätere Phase der Aufführungen hinein: Die plötzliche Konfrontation mit einem meist begeistert mitgehendem Publikum ist eine die Kinder fast erschlagende neue Erfahrung, der sie zunächst scheu, dann aber schnell mutiger werdend, zu begegnen wissen. Lampenfiber herrscht natürlich immer, aber die jungen Spieler erfahren schnell, daß ja nichts, wirklich gar nichts schiefgehen kann. Die kleinen und größeren Patzer werden allenfalls ein wenig amüsiert belacht, aus den Kulissen ist stets schnell Hilfe zur Hand, und das Auditorium freut sich über souveränes Darüber-Hinweg-Kommen genau so wie über ein eher unbeholfenes Sich-Hindurchlavieren.

Der Kontakt zur Zuhörerschaft wächst von Abend zu Abend, und mutigere Spieler fangen an, mit ihrem Publikum zu spielen... Es macht Freude, und doch gibt ein Ausspruch einer meiner jungen Darstellerinnen tief zu denken, die mir im Laufe der Vorstellungen gestand: "Nach der Pause bin ich immer ganz traurig, weil es schon in einer Stunde wieder vorbei ist!" - Eulenspiegel läßt grüßen.

Und dann kommt der Schlußapplaus, und nur die Freude auf weitere Aufführungen läßt zunächst die Sorge vor einem Abschied von all diesem Schönen in den Hintergrund treten. Aber in immer zunehmenderem Maße tritt dieser Gedanke ins Bewußtsein der Kinder und auch in meines. Dieses Gefühl läßt sich von Abend zu Abend mehr fast mit den Händen greifen, und je näher die letzte Vorstellung rückt, desto mehr beginnt Wehmut das abendliche Spiel zu prägen. Es gehört für mich mit zu den ergreifendsten Erlebnissen in meinen Beruf, wenn wir alle uns dann vor der letzten Aufführung zusammenfinden. Natürlich spricht dann irgendjemand die im Raum stehende Frage aus: "Können wir nicht wenigstens noch eine Aufführung durchsetzen?!" - Aber schon lange vorher ist an anderer Stelle entschieden, daß mit der heutigen Vorstellung Schluß sein wird und muß. Nicht länger lassen sich die bis zu diesem Tag von allen Kollegen nahezu selbstverständlich hingenommenen, weil unvermeidbaren Eingriffe in andere, genauso wichtige schulische Abläufe aufrechterhalten. Der Alltag fordert seinen Tribut.

Die Kinder wissen dies alles, und doch tritt regelrechte Trauer ein, wenn sie diese von Anfang an gewußte Endgültigkeit wirklich begreifen. So anstrengend die Arbeit war, so erfüllend war sie auch. "Machen Sie denn mit uns noch mal ein anderes Stück, - vielleicht im nächsten Jahr?" - Ich werde glücklich und traurig zugleich bei einer solchen naiven Frage, und im Grunde wissen die Kinder genau, daß so etwas gar nicht leistbar ist. Sie suchen nur verzweifelt etwas festzuhalten, was nicht länger festzuhalten ist. Und wenn ich die achtzig Kinder vor mir dann bitte, mit mir zusammen die bereits seit langem eingeübten und Abend für Abend praktizierten zehn Schweigeminuten zu beginnen, dann Überdenken die Kinder dabei all ihre Erlebnisse und Erfahrungen, nehmen lächelnd Blickkontakt zu mir auf, in denen sich Freude mit Wehmut, aber auch mit Dank mischt.

Das sind ergreifende zehn Minuten, in denen man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören kann. Besprochenes ist besprochen, wir alle ruhen in tiefer Gemeinsamkeit fast meditativer Sammlung, und dann beginne ich, irgendein Bachpräludium, oft mit Fuge zu spielen, ein Hinhören, ein In-Sich-Hinein-Hören; die Kinder scheinen ohne Erklärungen dies Erleben von in sich ruhenden, ordnenden Strukturen zu verstehen. Und nach dem letzten aufmunternden Blick geht es ans Werk, nein: ans tiefe Spiel! In wenigen Minuten werden die Kinder ein Musical singen, unser Musical, und die Menschen, die wir auf dem kurzen Wege zur Festhalle noch schlangestehend antreffen, trauen ihren Augen nicht, wenn sie achtzig, doch offenbar sehr aufgeregte Kinder, schweigend lächelnd an Ihnen vorbeiziehen sehen.

Dann öffnet sich der Vorhang, - zum letzten Mal, und die Kinder sind ergreifend gut an solchen letzten Abenden. Man sieht, sie haben sich herzerfrischend freigespielt, sie stehen nun wirklich über allem Einstudierten, sie stehen ganz über ihrer Sache, und auf so manche Pointe setzen sie noch den einen oder den anderen i-Punkt. Manchmal übertreiben sie bereits ein wenig, so daß ich denke, es ist vielleicht ganz gut, daß es keine weiteren Aufführungen geben wird. Die Kontakte von ihnen nach unten zu mir und von mir hinauf zu ihnen sind so lebendig wie nie, und aus ihren verschwitzen Gesichtern, ihren blitzenden Augen spricht nur noch dies eine: "Wir haben noch diese eine Stunde, und wir wollen sie mit dir zusammen - und für uns alle - unvergeßlich gut machen."

Diese letzte Aufführung ist Abschied, ein nicht zu verdrängender, nein, ein bewußt erlebter Abschied. Die Kinder wissen es. Man sieht es ihrem wehmütigen Lächeln an, mit dem sie den allerletzten, inzwischen fast ein wenig liebgewonnen großen Applaus gnädig und scheinbar gelassen entgegennehmen. Ich spüre es an der Art, wie sie mich bei der Hand nehmen, um mich auf die Bühne zu holen. Und schließlich stehen sie da, der letzte Vorhang soll fallen und darf es nicht. Die Kinder denken sich noch tausend Mätzchen aus, um das noch stehende Publikum um Himmels Willen beim Klatschen festzuhalten. Purzelbäume, Radschlagen, endlose Encores, in die denn auch das Publikum mit einstimmen soll..., - es hilft ihnen nichts, und die Tränen in den Augen der Kinder nehmen mehr und mehr überhand. Ich bin gern bei ihnen in den nun folgenden Minuten, wenn es ans umziehen, ans Abschminken, ans Zusammensammeln der Sachen geht. Die Eltern stehen und drängen die erschöpften Kinder, nun doch endlich mitzukommen. Der Schulleiter erntet noch einmal ungeahnten Beifall, wenn er verkündet, morgen brauchten die Kinder erst um halb elf zum Unterricht kommen, nur... nur es ist ein unwiderruflicher Abschied, und er tut weh. - Wie gut nur, daß die Kinder nicht wissen, was ihnen noch bevorsteht! Was denn nun noch?! - so wird hier auch der Leser fragen. Und so will ich hier auf die letzte Erfahrung der Kinder zu sprechen kommen, die sie offenbar ganz tief trifft: Nach dem Abbauen müssen die herrlichen Kulissen, die für so lange Zeit so selbstverständlich 'Heimat des Spiels' gewesen sind, buchstäblich in Stöcke gesägt werden. Sie passen in keinen der schulischen Lagerräume. "Sie zersägen unsere Kulissen!! - Das kann doch nicht sein!" - Was sich hier an Betroffenheit, an Unwiderruflichkeit unter den Kindern breit macht, ist mit dem Wort Verzweiflung nur unvollkommen beschrieben. Hier wird die bloße Wehmut des Abschieds zum Schmerz, - für alle, für meine kleinen Spieler, für mich, ja auch für die vielen großen Schüler, die hinter den Kulissen Unverzichtbares geleistet haben, für mein Orchester, für die in großer Zahl mitarbeitenden Kollegen. Für sie alle ist eine wohl unwiederholbare Zeit der Gemeinschaft zu Ende gegangen. Für mich auch, denn ich weiß: so sehe ich diese Kinder nie mehr wieder. - Selbst auf die Gefahr, hier allzu persönlich zu werden, kann und will ich jedoch nicht umhin, von einem Abschied zu sprechen, der nur mich selbst betrifft. Viele Kollegen wissen, daß ich seit vielen Jahren aus gesundheitlichen Gründen ein Leben auf Abruf zu führen gezwungen bin. Ich weiß, daß dies im Prinzip eine Frage jeden Lebens ist, nur ist mir dies klarer vor Augen geführt als anderen Menschen. Vielleicht ist dies sogar eine Chance, und oftmals bin ich in der Lage, es so anzusehen. Aber wenn für "meine Kinder" oben auf der Bühne jener letzte Vorhang fällt, dann ist dies für mich immer auch ein Abschied, von dem nur sehr wenige wissen, weil gerade ich niemals sicher sein kann, inwieweit mir ein nächstes Mal vergönnt sein wird. Oftmals aber empfinde ich diese meine Frage auch genau andersherum, denn ich bin mir eigentlich genauso klar darüber, daß nämlich solche erfüllende Arbeit mir vielleicht doch noch die Kraft für ein nächstes Mal ermöglicht.

Ich habe mir dieses persönliche Wort erlaubt, weil daran vielleicht deutlicher werden kann, wie sehr Abschied und Hoffnung in unserem Leben Sinnbild sind für Kommen und Gehen. Dies scheint mir auch gerade im Rahmen der nun folgenden Beobachtungen von Bedeutung zu sein, denn auch den mitspielenden Kindern steht noch ein weiterer Abschied bevor, den sie nur meist selbst nicht mehr so stark empfinden, der aber ebenfalls mich persönlich immer wieder besonders trifft und der mir jedes Mal, obwohl ich es inzwischen wissen müßte, stets von neuem in die Seele schneidet: Denn für sie kommt jetzt schneller als erwartet die Zeit der Pubertät heran, eine Zeit, in der nicht nur jene bezaubernde Spontanität des Spielens und Singens für sie zunehmend in den Hintergrund tritt, sondern gerade auch eine gewisse Scham über das Ausmaß eigener Rückhaltslosigkeit, mit der sie sich dem "Erzfeind Lehrer" zu öffnen je bereit gewesen waren. Als ob sie sich eigener Empfindungen aus früherer Zeit schämten, gehen viele von ihnen dann oftmals an mir vorbei, als ob es eine solche, so überaus bereichernde, gemeinsame Zeit nie gegeben habe, und ich muß gestehen, daß mich dies jedesmal wieder neu schmerzt. - Nur habe ich gegenüber meinen "nun-nicht-mehr-Kindern" den einen, unschätzbaren Vorteil, daß ich nämlich auch das Zurückkehren kenne; denn so verloren, wie sich diese "Söhne und Töchter" geben, bleiben sie nicht. Ich sehe ihnen aus gewisser Entfernung voller Neugierde beim Heranwachsen zu und kann mir zugegebenermaßen oft nur noch schwer das Bild vor Augen führen, wie sie damals waren, als sie...

Und dann steht plötzlich - meist Jahre später, ja oft erst beim Abitur - das Wiedererkennen vor uns, das Wiederfinden der Erinnerung, jenes "Weißt du eigentlich noch?". Es wird oftmals gar nicht ausgesprochen, und doch ist es da. Bei flüchtigen Begegnen auf dem Hof, bei Aufsichten während der Abiturarbeiten, bei vielfältigsten Gelegenheiten trifft mich ein lächelnder Blitz aus dem versteckten Winkel eines Auges. Aber ich nehme ihn wahr und bin glücklich. Der Kreis hat sich geschlossen.

Und gar nicht so selten, meist jedoch lange nach dem Schulabschluß geschieht es dann, daß plötzlich jemand dasteht, baumlang, selbstbewußt, mir freundschaftlich auf die Schulter schlägt (Selbstverständlich muß ich "du" sagen!), und dann erfahre ich viel über das, was Kinder als Schlüsselerlebnisse empfinden. Ich denke viel an jenen überaus linkischen Jungen, der obendrein ein wenig stotterte und der sich just die Rolle eines dümmlichen Eckenstehers aussuchte, in der er ebenfalls mit der Zunge anzustoßen hatte. Ich hatte ihn damals gewarnt, aber er wollte just diese Rolle. Bei den Aufführungen dann war es ihm gelungen, seine Rolle sehr komisch zu gestalten, er lernte darüber zu lachen, wie die anderen über ihn lachten. Er hatte im doppelten Sinn Erfolg. Sein Selbstbewußtsein, ja sein Selbstverständnis hatte sich verändert, er selbst hatte sich verändern lassen. Er konnte seine Sprachstörung überwinden. - Ein besonderes Stück von Abschied! Irgendwann später stand er plötzlich strahlend vor mir, - als frischgebackener Arzt. Alles - so sagen sie mir dann oft - alles hätten sie vergessen, nur dies eine nicht. Oder: wenn es dies in der Schule nicht gegeben hätte, wäre ihnen Schule überhaupt gleichgültig geblieben; oder gar: "Ich würde mein Kind ja gern wieder auf diese Schule schicken, wann machen Sie denn Ihr nächstes Musical?"

Wenn ich es nicht bereits seit jener "Schnapsidee" gewußt hätte, spätestens in solchen Gesprächen wird deutlich, wie Wesentliches der Weg mit und zu meinen kleinen "homines ludentes" in unser - fast hätte ich gesagt - gemeinsames Leben eingebracht hat. - Danke!

Zum Schluß dieser rückblickenden Betrachtung scheint es mir von Bedeutung zu sein, noch eine letzte Seite des Phänomens Abschied aufzublättern: Ich habe mich längere Zeit gefragt, wieso die Musical-singenden Kinder, die ihre Songs so herzerfrischend schnodderig-frech über die Rampe brachten, in zunehmenden Maß die mehr besinnlichen Lieder zu lieben begannen. Selbst solche Songs, die von mir selbst zunächst mehr als "Schnulzen" gedacht und eigentlich ein wenig belächelt worden waren, gerieten in der Hand der Kinder zu oft ergreifendem Ausdruck, der mit Sicherheit weit weg von irgendwelchem Kitschbedürfnis anzusiedeln war. - Erst relativ spät habe ich begriffen, daß sich die Schüler in solchen Liedern mit jener, weiter oben herausgestellten Wehmut des Abschied wiederfanden.

Es sei mir gestattet, auf zwei solcher Songs an dieser Stelle zu verweisen. Der erste ist ein sehr wehmütiges Lied aus "Emil und die Detektive" , in dem Emil und sein Freund Gustav nachts beieinander sitzen und der eine dem anderen von seinem traurigen Zuhaue und von seinem Leben mit seiner Mutter erzählt. - Der zweite Song ist eine Art Shanty aus "Klaus Störtebeker", in dem die frisch angeworben Piraten sich von den Daheimgebliebenen verabschieden. - Bloße Seefahrtsromantik? - Oder vielleicht doch mehr? - Abschied?

Wolfgang Fricke


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